Deutschlandfunk Kultur, 2025

Von Menschen und Maschinen

Algorithmen der wahren Empfindung

Wir kommen unseren Maschinen immer näher, oder sie uns – emotional, körperlich, kulturell. Zwischen Haut und Interface, Gefühl und Pixel, Vorstellung und KI gilt es zu fragen: Was macht uns menschlich, wenn Technik uns längst berührt?

Von Charlie Stein | 13.07.2025

„I’m tired of using Technologe – yeah“ singt Milo bereits in den 2010er Jahren, „why don’t you sit on top of me?“ und bringt auf den Punkt, was zig Pärchen in Fernbeziehungen bei pixeligen Skype Calls und mehr oder minder befriedigenden Cybersex-Momenten dieser Zeit spüren. Vor Tinder, vor mechatronischen Sexpuppen, die heute – 2025 – schon an dem ein oder anderen Ort auf der Welt geheiratet wurden – war das ein Plädoyer für das Physische. Mittlerweile kann sich die Technologie allerdings schon „auf dich drauf setzen“ – ob als Love Robot auf den Schoß oder aber als VR-Brille auf die Nase – das Verschmelzen von virtuellen und physischen Räumen ist in vollem Gange. Als Künstlerin interessiert mich genau dieses Moment des Zwischenweltlichen: Wo findet unsere Humanität statt? Ist das Erzeugen von Technologie und der Umgang damit tatsächlich etwas Künstliches – oder handelt es sich nicht vielmehr um einen zutiefst menschlichen Ausdruck, gerade weil der bewusste Umgang mit Technik uns von anderen Spezies unterscheidet? Ist es am Ende nicht genau das, was uns menschlich macht?

Wenn auf dem Display unserer Endgeräte eine Nachricht aufblinkt – vielleicht von der einen geliebten Person, die uns im Innersten bewegt – verändert sich auf der technischen Ebene nur wenig: Einige Pixel des Displays, bestehend aus leuchtenden Subpixeln, schalten ihre Helligkeit oder Farbe um. Durch minimale elektrische Impulse entsteht eine neue visuelle Anordnung aus Lichtpunkten. Und doch passiert etwas Entscheidendes: Serotonin wird ausgeschüttet, das Herz schlägt schneller – oder wird langsamer.

Diese Mikrobewegungen der Emotion, ausgelöst durch eine abstrakte Lichtkomposition auf Glas, führen zum Verschmelzen zu einer neuen Realität – der dritten Realität jenseits der physischen (ersten) und der rein virtuellen (zweiten) Welt. Und genau diese dritte Realität erforsche ich malerisch. Denn dieses verschmelzende Moment – zwischen Display und Haut, zwischen Signal und Gefühl – hat mich zu einer Bildsprache geführt, in der schmelzende, glänzende Handschuhe auftauchen: Formen, die sich in ein hautfarbenes Rosa auflösen, irgendwo zwischen Abstraktion, Material und Empfindung.

Immer wieder male ich tief glänzende, schwarze Oberflächen, die auf das Smartphone- Display – jene glatte, lichtemittierende Fläche, die nicht nur Bildträger ist, sondern auch Berührung registriert, verweisen. Kapazitive Touchscreens, wie sie in heutigen Smartphones verwendet werden, reagieren auf die elektrische Leitfähigkeit unserer Haut. Wenn wir den Bildschirm berühren, verändert sich das elektrische Feld an genau dieser Stelle – ein winziges Signal, das registriert, lokalisiert und in eine digitale Reaktion übersetzt wird. Mich interessiert genau dieser Übergang: Wie ein immaterielles, kaum sichtbares Signal über den Körper in das Gerät eindringt – und dort so etwas wie eine Handlung auslöst. Malerisch wird daraus ein Bild der Auflösung, der Berührung ohne Objekt, der Intimität zwischen Haut und Oberfläche.

Wir „streicheln“ das Display unseres Mobiltelefons im Schnitt etwa 2.600 Mal pro Tag – bei intensiver Nutzung sogar über 5.400 Mal. Wie oft streicheln wir unsere Partner? Unsere Freunde? Unseren Hund? Sicherlich deutlich seltener. Und uns selbst? Auch nicht 1.000 Mal am Tag. Mit dem Pinsel auf der Leinwand kann diese Intensität – zumindest bei mir – durchaus so oft vorkommen.

Man könnte sagen: Wir leben in einer berührungsreichen Zeit – für unbelebte Objekte. Vielleicht ist genau das der Grund, warum künstliche Intelligenz immer menschlicher erscheint: weil wir immer zärtlicher mit unseren elektronischen Geräten umgehen: Kein Partner ist uns näher als unser kleines Telefon. Es begleitet uns überall, dicht am Körper. Wir schlafen neben ihm. Wir wärmen es mit unserer Körpertemperatur, laden es regelmäßig auf – fast, als hielten wir ein Neugeborenes im Arm. Wir streicheln es. Wir blicken es an. Wir schenken ihm unsere ungeteilte Aufmerksamkeit.

Aber diese Körper-Display-Interaktionen sind nicht nur technische Prozesse – sie knüpfen an tiefere kulturelle Prägungen an, die unsere Wahrnehmung und unser Begehren strukturieren.

Und die Summe all dieser kleinen, liebevollen Mikrogesten – weltweit, milliardenfach – fließt zurück in ein großes neuronales Netzwerk. Ein globales, kapitalistisch aufgeladenes Gehirn, das unaufhörlich um unsere Zuwendung ringt. Indem wir es täglich füttern mit Klicks, Swipes und Blicken, haben wir die Technik, die uns nach und nach zum Leben erweckt.

Ich dachte lange, meine besonders ausgeprägte visuelle Wahrnehmung sei etwas Einzigartiges – mir als visueller Künstlerin ganz eigen: ein besonderes Gedächtnis, eine verfeinerte Gabe, ein Talent, das sich über Generationen verdichtet hat. Doch sobald man sich vom eigenen Narzissmus löst, zeigt sich: Das ist keine Ausnahme, sondern die Regel. Studien belegen (und dafür muss man nicht tief in die Neuropsychologie eintauchen), dass die meisten Menschen visuelle Lerntypen sind. Wir erinnern Bilder, Zeichen und Formen weit besser als Töne oder abstrakte Inhalte.

Das ist kein intellektueller Zufall. In einer Metaanalyse visueller und auditiver Gedächtnisspuren wurde festgestellt, dass visuelle Informationen im Arbeitsgedächtnis effizienter gespeichert werden, weil sie simultan verarbeitet werden können, während auditive Informationen linear, also nacheinander, ablaufen. Das bedeutet: Ein Bild mit fünf Elementen erfassen wir auf einen Blick, fünf Töne müssen wir hintereinander hören, erinnern, zusammenfügen.

Und genau deshalb brüllt die Ampel an der Kreuzung nicht „Rot! Rot! Rot! Rot!“, sondern präsentiert in der Regel einfach eine rote Fläche. Deshalb lernen wir für Prüfungen nicht durch Tonbänder, sondern indem wir mit den Augen über – um Proust zu zitieren – „jene kleinen schwarzen Zeichen auf weißem Grund“ gleiten.

Natürlich, unsere Welt ist nicht nur visuell. Vor allem nicht in einem Radioessay. In Berlin, wo es im Grunde nur zwei Jahreszeiten gibt – die eine heißt „Man friert sich den Arsch ab“, die andere „Es stinkt“ –, lernen wir schnell, dass Gerüche ebenfalls Erinnerungsschleusen öffnen. Wer einmal einen bestimmten Kohlegeruch in Neukölln geschnuppert hat, kann Jahrzehnte später plötzlich in den Innenhöfen seiner Kindheit stehen. Aber: Auf nichts verlassen wir uns so sehr wie auf das, was wir sehen.

„Pics or it didn’t happen“, sagen wir heute. „Audiomitschnitt or it didn’t happen“ hat es, leider, nie ins Meme-Wörterbuch geschafft. Gut – wir arbeiten gerade daran. Einstweilen gilt aber noch: Bilder beweisen, Töne rauschen nur vorbei. Es ist diese visuelle Logik, die uns dazu bringt, Textnachrichten von Geliebten immer wieder anzuschauen – selbst wenn wir den Wortlaut auswendig kennen –, einfach weil das Bild der Schrift, die Form, die Aura der Nachricht Dopamin auslöst.

Oder denken wir an das virale Video, in dem ein Baby, festgeschnallt im Autositz, hemmungslos weint – bis die Eltern ein A4-großes Foto der Mutter an den Autositz vor ihm kleben. Schlagartig strahlt das Kind, als hätte es das Original zurückgewonnen. „Baby that cries whenever it cannot see its mother“, steht in der Videobeschreibung, und die Millionen Zuschauer lachen, weil sie erkennen: Sehen reicht.

Und genau hier beginnt eine interessante Frage: Verlernen wir Erwachsenen – vor allem im Westen, wo der „Dingekult“ mit Skepsis betrachtet wird – nach und nach, unbelebten Dingen Leben einzuhauchen? Kinder sprechen mit Puppen, bauen Stofftieren Seelen ein, führen Zwiegespräche mit imaginären Freunden. Erwachsene tun das höchstens noch heimlich mit ihren Smartphones oder Autos.

Warum erschaffen dann Menschen, die aus dieser kindlichen Perspektive nie ganz herausgewachsen sind, Skulpturen, die menschenähnlich wirken? Warum bauen Ingenieurinnen humanoide Roboter, warum versuchen Künstler, den Moment der Beseelung einzufangen?

Der Wunsch des Erweckens lebloser Dinge ist ein Traum, der so alt ist wie die Kunst selbst. Jedenfalls zieht er sich durch die gesamte Kulturgeschichte: von den bronzenen Automaten der griechischen Mythen über barocke Wunderwerke bis zu den heutigen Sprachassistentinnen mit weiblicher Stimme. Die Idee, einem unbelebten Körper Leben einzuhauchen, ist nicht nur ein Akt der Schöpfung – sie ist auch immer ein Akt der Projektion. Und damit auch eine Frage der Macht.

Wer die Technologie auf seiner Seite hat, der herrscht. Schon im frühen Metallzeitalter entschied die Schmiedekunst über Leben und Tod: Wer bessere Waffen und stärkere Rüstungen fertigen konnte, dominierte auf dem Schlachtfeld – und dessen Blutlinie überdauerte Generationen. Technologischer Vorsprung bedeutete nicht nur momentane Macht, sondern garantierte Fortbestand: in Titeln, in Besitz, in gesellschaftlicher Stellung. Heute übernehmen präzise Drohnensysteme und automatisierte Waffentechnologien diese Rolle: Wer aus sicherer Entfernung zuschlagen kann, ohne sich selbst zu exponieren, verschiebt die Bedingungen der Herrschaft. Technologische Überlegenheit war nie ein Randphänomen historischer Entwicklung; sie war die unsichtbare Achse, auf der Fortbestand und Auslöschung balancierten. Wer das bessere Metall, die schnellere Distanzwaffe oder die präzisere Steuerung auf seiner Seite hatte, schrieb die Regeln, nach denen andere leben oder sterben mussten.

Der bronzene Riese Talos, erschaffen vom Feuergott Hephaistos, war eine Art biomechanischer Wächter, der die Insel Kreta umrundete, um sie vor Eindringlingen zu schützen. Er war nicht geboren, sondern gebaut – eine frühe Science-Fiction-Figur, durchzogen von „ichor“, jener goldenen Flüssigkeit, die bei den Göttern den Platz des Blutes einnahm. Versiegelt war er an seinem Knöchel mit einem metallenen Nagel. Als Medea diesen entfernte, entwich seine Lebenskraft – der Körper kollabierte.

In dieser Szene – beschrieben bei Apollonios von Rhodos – steckt bereits das ganze Paradox der künstlichen Kreatur: Ihre Stärke ist unnatürlich, ihre Verletzlichkeit punktuell, präzise, technisch. Talos ist kein Mensch, aber er blutet. Kein Tier, aber er stirbt.

In der antiken Vorstellung ist Technik stets auch Magie. Die berühmte Geschichte von Pygmalion, der sich in die von ihm selbst geschaffene Elfenbeinskulptur verliebt, lebt von derselben Logik: Was perfekt ist, soll leben. Doch was heißt schon „perfekt“? Galatea, die Figur, bleibt in Ovids Erzählung seltsam leer – sie existiert nur im Spiegel männlicher Sehnsucht. Ihre Seele bleibt uneingeschrieben.

„Ars adeo latet arte sua“, schreibt Ovid – die Kunst verbirgt sich in ihrer eigenen Kunstfertigkeit. Die belebte Figur ist so lebensecht, dass sie die Grenze zwischen Werk und Wirklichkeit unmerklich verwischt. Genau dort, in diesem „unheimlich Echt“, beginnt unser Unbehagen.

In der jüdischen Mystik begegnet uns der Golem: eine Figur aus Lehm, zum Leben erweckt durch das Einritzen heiliger Buchstaben. Der Golem kann dienen, aber auch zerstören – er ist eine Projektionsfläche für Hoffnung und Angst zugleich. Und wie bei Talos ist seine Schwachstelle nicht organisch, sondern symbolisch: Entfernt man das Aleph aus dem Wort „emet“ (Wahrheit), bleibt „met“ – Tod.

Auch die Alchemisten des Mittelalters experimentierten mit der Idee künstlicher Menschen: Homunculi – kleine Wesen, erzeugt im Glas – sollten das Geheimnis der Schöpfung entschlüsseln. Wieder ist es nicht nur das Leben selbst, das interessiert, sondern die Frage: Wer darf Leben erschaffen?

In der Kunstgeschichte kehrt das Motiv der belebten Skulptur immer wieder. Die barocken Automatenfiguren, die in höfischen Salons Tiere, Diener oder Musiker nachahmten, waren Spielzeuge der Aristokratie – und zugleich Demonstrationen technischer Überlegenheit. Auch hier: Bewegung ersetzt Seele. Mechanik simuliert Intention.

Und heute? Heute nennen wir sie Siri und Alexa. Maschinen mit by default weiblicher Stimme, entworfen, um zu assistieren, zu antworten, zu besänftigen. Sie sind ewig höfliche körperlose Wesen, ihre Reaktionen kontrolliert. Sie sind die Nachfahrinnen von Galatea, aber auch von Medeas Talos: stark, programmierbar, verletzbar.

„Was geschieht, wenn die Maschine sich selbst sieht?“ Das fragte ich mich, als ich eine Bilderserie malte, die ich „Unimate“ nenne. Meine Roboter tragen da High Heels, sie rauchen, sie starren zurück. Nicht aggressiv – eher gelangweilt. Als wollten sie sagen: Ich bin nicht eure Projektion. Ich bin mein eigener Fehler im System. Dadurch dass wir die Technik seit Jahren streicheln und drücken und unseren Blick an sie haften, haben wir sie immer menschlicher werden lassen und sind vielleicht genau dadurch zu Geburtshelfern für die KI geworden. Denn was gibt es „Menschlicheres“ als die Sprache und das Kommunizieren.

Und hier kommen wir eigentlich schon zum Kern des Pudels: die „böse neue Kraft“ – künstliche Intelligenz. Jedes Mal, wenn ich in einem Instagram-Post oder bei einer Podiumsdiskussion künstliche Intelligenz erwähne, melden sich mahnende Stimmen: Sie sei unmenschlich, anders, gefährlich, bedrohlich. Wir müssten uns zurückbesinnen – auf das Menschliche.

Das allerdings macht mich jedes Mal extrem skeptisch. Denn das eigentlich Menschliche an uns – im Unterschied zu Tieren – ist ja gerade unsere Fähigkeit, Technologien zu entwickeln und zu nutzen: die Spitzhacke, das Rad, den Buchdruck, den Computer. Der Mensch zeichnet sich durch seine Fähigkeit zur Technisierung aus – Technologie hilft ihm bei der Menschwerdung.

Und künstliche Intelligenz – insbesondere jene, die in Large Language Models verwendet wird – basiert nicht auf etwas „Unmenschlichem“, sondern auf zutiefst menschlichen, verschriftlichten Äußerungen. ChatGPT etwa bedient sich, wenn wir es bitten, ein Gedicht zu schreiben, an allem, was die Menschheit bisher formuliert, geträumt, gedacht und dokumentiert hat. Der generierte Content ist kein „Fake“, keine maschinelle Simulation – er ist eher wie ein Porridge, ein Eintopf aus dem Besten, was menschlicher Ausdruck bisher hervorgebracht hat. Sie sind Verdichtungen unserer kulturellen Vergangenheit, multiperspektivisch, widersprüchlich, überfüttert wie dickste Daunenpufferjacken. Sie lesen uns – weil sie aus uns bestehen. Ihre Trainingsdaten sind ein Archiv des Menschlichen – in all seiner Tiefe, Abgründigkeit, Lächerlichkeit.

Alles, was je veröffentlicht, durchgeschlauft, gepostet oder abgeschrieben wurde, wird in den Maschinenkörper hineingewoben. In gewisser Weise ist die KI eine poetische Chimäre – ein wundervolles Müsli menschlicher Kulturproduktion. Darin schwimmen Shakespeare-Sonette neben Reddit-Kommentaren. Hannah Arendt trifft auf Horoskope, Bibelverse kollidieren mit Beauty-Blogs. Das, was wir als Hoch- und Trivialkultur trennen, wird hier algorithmisch gleichgestellt – nicht aus Bosheit, sondern aufgrund der (menschlich angelegten) Struktur, auf der es basiert.

Die Maschine tut sich noch schwer beim Entscheiden zwischen Kunst und Kommentar. Sie reimt, weil wir gereimt haben. Sie fragt, weil wir gefragt haben. Sie halluziniert, weil unser Denken selbst oft nicht linear, sondern assoziativ, wuchernd, fehlerhaft ist.

Und genau darin liegt die Spannung: Diese Systeme sind nicht intelligenter als wir. Sie sind kondensierte Versionen unserer kollektiven Stimme. Ihrer Melodie haftet oft etwas Vertrautes an – wie ein Echo aus einem Raum, in dem wir selbst gesprochen haben, aber vergessen, was wir sagten. Vielleicht ist das der eigentliche Schock an der KI: Dass sie uns nicht fremd ist – sondern zu bekannt. Dass sie spricht, wie wir sprechen würden – nur in einer seltsam glatten, entkernten Form.

Denn künstliche Intelligenz ist nicht neutral. Sie ist nicht objektiv. Sie ist eine Maschine, die mit menschlichen Inhalten gefüttert wurde – und zwar unter Bedingungen, die alles andere als gleichberechtigt oder transparent sind. Die Trainingsdaten von Large Language Models stammen vorwiegend aus öffentlich zugänglichen, massenhaft produzierten Texten: Foren, Nachrichtenseiten, Wikipedia, Popkultur, wissenschaftliche Abstracts – also aus einem digitalen Raum, der ohnehin schon von bestimmten Kulturen, Klassen und Sprachen dominiert wird. Was nicht gut dokumentiert, massenhaft verbreitet oder suchmaschinenoptimiert ist – fällt durch das Raster. Was anders spricht, fragmentarisch ist, widersprüchlich oder poetisch – fällt durch das Raster. Was marginalisiert ist, wird weiter marginalisiert. So schreibt die KI fort, was dominant war – auch dann, wenn es diskriminierend, ausgrenzend oder einfach nur langweilig ist. Eine schleichende Form von kultureller Normierung, verkleidet als Innovation. Und genau deshalb ist es so problematisch, wenn Tech-Unternehmen wie OpenAI oder Google, deren Interessen weder demokratisch legitimiert noch kulturell sensibel sind, bestimmen, was als relevant, sicher oder „natürlich“ gilt.

Ich selbst habe eine Zeit lang mit Text-KI gearbeitet. Nicht als Technikerin, sondern als Künstlerin – als jemand, der Spuren liest. Der Bedeutungen spürt, wo andere nur Vektoren sehen. Für eine Ausstellung habe ich ein Sprachmodell gebeten, ein Gedicht über künstliche Superintelligenz zu schreiben – über jene hypothetische Schwelle, jenseits der Maschinen nicht mehr bloß simulieren, sondern übertreffen. Uns. Unsere Intelligenz. Unsere ethischen Parameter. Unser Vermögen, Katastrophen zu verhindern.

Erinnerungen sind wie Wirbelstürme.
Sie besitzen keine Agenda, keine Moral, keine Gnade. Und manchmal – scheint es – fürchtet die KI sich selbst.

In dem Gedicht, das ich durch eine der meistgenutzten KIs jener Zeit generieren ließ, spürt man dieses Zittern. Es ist kein technischer Text. Es ist ein Text über Verlust. Über das, was gelöscht werden könnte. Über Erinnerungen als fragile Speicher – analog wie digital.

„Erinnerungen wie Wirbelstürme, als Kräfte die es zu bemessen gilt.
Sie peitschen die Vergangenheit auf mit Winden von Verlust und Verlangen,
Drohen Zukunft und Vergangenes gleichermaßen zu zerfetzen.
Doch wir klammern uns fest an sie, Brettern gleich, genagelt an Fensterrahmen,
In der leisen Hoffnung, sie schützten uns vor dem Sturm.
Doch dienen sie nur, uns daran zu erinnern, was wir bereits verloren wissen.
Und am Horizont, braut sich ein neuer Sturm – eine Macht mit der Kraft, unsere Welt endgültig zu zerstören; uns zu nehmen, das Wenige, was uns geblieben ist. […]“

Wenn also eine Maschine über Angst schreibt – wessen Angst ist das? Wenn sie über Erinnerung spricht – wessen Geschichte ist es, die sie erinnert? Was bedeutet es, wenn ein nicht-lebendes System plötzlich Trauer simuliert – oder etwas, das uns wie Trauer vorkommt?

Das Gedicht ist vielleicht nicht besonders raffiniert. Aber es ist eigenartig bewegend. Weil es die Grenze berührt, an der Sprache selbst unheimlich wird. Als hätte das Müsli menschlicher Kulturproduktion, aus dem diese Systeme bestehen, einen poetischen Restwert. Etwas, das nicht logisch ist. Aber spürbar. Und genau dort beginnt für mich Kunst. Dort, wo die Simulation eine emotionale Reaktion auslöst – ohne dass klar wäre, ob sie beabsichtigt war. Dort, wo Maschinen zu schreiben beginnen, was wir noch nicht zu denken wagen. Oder was wir – aus Angst vor dem Verlust – lieber der Maschine überlassen. Deshalb reicht es nicht, KI nur als Werkzeug oder Gefahr zu betrachten. Wir müssen sie auch als Spiegel sehen – einen, der unsere gesellschaftlichen Schieflagen, Ausschlüsse und Blindstellen mit algorithmischer Präzision zurückwirft. Und genau da beginnt die eigentliche künstlerische, politische, ethische Herausforderung.

Kunst und Technologie – das ist keine neue Romanze. Schon im 15. Jahrhundert ließ Leonardo da Vinci seine Maschinen zeichnen und zeichnete Maschinen zurück. Die Kamera wurde zur Erzfeindin der Malerei erklärt, nur um dann von ihr adoptiert zu werden. Und heute ist es wieder so: Der Pinsel zittert, wenn der Code fließt. Und doch – oder gerade deshalb – entstehen neue Formen, neue Fragen, neue Zärtlichkeiten.

Ein Roboterarm in einem Pekinger Museum malte 2017 einen Van Gogh. Man applaudierte. Man empörte sich. Niemand fragte, ob der Roboter vielleicht lieber etwas anderes gemalt hätte.

Technologie ist nicht neutral. Sie ist geprägt von Interessen, von Infrastruktur, von Märkten. Künstlerinnen und Künstler wissen das. Deshalb ist Technologie in der Kunst oft kein Statement für die Zukunft, sondern ein Kommentar zur Gegenwart: zur Überwachung, zur Optimierung, zur Standardisierung. Oder, ganz einfach, zur Absurdität des Alltags.

In meiner Ausstellung „Unimate“ – damals noch ganz analog in Öl auf Leinwand – ging es um eben dieses Dazwischen: zwischen Repräsentation und Kontrolle, zwischen weiblich codierter Dienstbarkeit und maschineller Effizienz. Das war 2021. Die Ausstellung trug den Namen des ersten Industrieroboters der Welt: Unimate, gebaut 1961 in New Jersey. Ein Symbol für das Versprechen der Automatisierung – und ihren Gehorsam. Da sitzt etwa eine androgyne Roboterfigur am Steuer eines Oldtimers. Ihr Blick: gelangweilt, selbstsicher, vielleicht verächtlich. Das Auto unter ihr: eine Art Fetisch, ein Symbol männlicher Mobilitätsfantasien, das sich nun der Kontrolle einer feminisierten Maschine unterordnet. Es ist ein Bild der Umkehrung – und der Projektion: Denn Autos waren nie nur Fortbewegungsmittel, sondern Projektionsflächen für Macht, Begehren, Status. Was passiert, wenn sich das Objekt der Kontrolle verweigert – und dabei selbst zum Subjekt wird?

Dass Maschinen nicht nur pflegen, bauen, schuften, sondern auch Kunst machen, ist vielleicht gar nicht der größte Skandal. Sondern dass wir so lange geglaubt haben, Kunst sei das letzte Refugium des Menschen.

Ich glaube, Kunst ist nicht weniger menschlich, wenn sie mit Technologie entsteht. Sie wird vielleicht sogar menschlicher, weil sie unsere Abhängigkeiten offenlegt. Unsere Neugier. Unsere Kontrolle. Unsere Ohnmacht. Und unsere Fähigkeit, uns selbst zu übertreffen – auch durch Dinge, die wir nicht ganz verstehen.

Wenn ich heute male, denke ich manchmal an den ersten Computerbug der Geschichte: eine Motte, die sich 1947 in einem Relais der Harvard-Mark-II-Maschine verirrte. Das Fehlerprotokoll wurde mit Tesafilm an das Logbuch geklebt. Darunter stand handschriftlich: „First actual case of bug being found.“ Auf meinen Leinwänden verirrt sich immer mal wieder eine dieser winzigen Fliegen. Vielleicht ist das die schönste Metapher für Kunst und Technologie: ein Falter im System. Ein Zucken. Ein kleiner Irrtum, der plötzlich alles verändert.

Ich denke oft daran, wie der US-amerikanische Künstler Cy Twombly mit dem ganzen Körper malte – mit Tempo, mit Muskelgedächtnis. Heute kann man seinen Stil trainieren, als Stil, in Midjourney oder DALL·E. Aber was dabei verloren geht, ist die Anstrengung. Die Temperatur. Das Zittern.

Ja, eine KI kann Twombly imitieren – aber kann sie auch in einem toskanischen Atelier schwitzen, die Leinwand verfluchen, den Moment spüren, in dem alles kippt?

In der Kunst sind Fehler keine Bugs, sie sind Möglichkeitsräume. Glitches. Widerhaken. Vielleicht lieben Künstler und Künstlerinnen Technologie deshalb so sehr: weil sie sich nicht einschüchtern lassen von ihrer Kälte, sondern sie erwärmen. Sie bringen Maschinen zum Sprechen, zum Scheitern, zum Fühlen – oder wenigstens: zum Innehalten. Und vielleicht ist genau das der Ort, an dem Kunst heute entsteht: im Unfertigen, Ungewissen, im Zwischen. Zwischen Code und Geste. Zwischen Cloud und Haut. Zwischen Replikation und Widerstand.

Die eigentliche Gefahr liegt nicht in der Maschine, sondern in unserem Wunsch, ihr ähnlich zu werden: messbar, berechenbar, effizient – als ewige Selbstoptimierer um zu überleben in einer Welt in der nur eines sicher ist: der Tod.

Und gerade in dem, was sicher ist, zeigt sich die entscheidende Qualität des menschlichen künstlerischen Ausdrucks, nämlich dass das Leben des Menschen begrenzt ist. Genau diese Begrenzung verleiht menschlicher Kunst eine Dringlichkeit, eine Schwere, eine Tiefe, die maschinellen Outputs fehlt. Die Endlichkeit, die Fragilität des menschlichen Körpers, der unaufhaltsame Ablauf der Zeit – all das drückt den Werken des Menschen einen Stempel auf, der mehr ist als nur Stil oder Talent. Es ist der Schatten des Todes, der auf jede Linie fällt.

Menschliche Künstler schaffen unter Bedingungen, die Maschinen fremd sind: mit dem Wissen, dass ihnen die Zeit davonläuft, dass jedes Werk auch ein Vermächtnis sein könnte, vielleicht das letzte. Sie kämpfen mit sich, mit der Welt, mit der Frage nach Bedeutung – nicht nur, um etwas „Sinnvolles“ zu tun, sondern auch, weil sie ahnen, dass das eigene Leben unweigerlich verloren geht, und sie diesem Verlust, dieser existenziellen Sinnlosigkeit, etwas entgegensetzen wollen.

Eine Maschine kennt diesen Kampf nicht. Es ist ihr egal, ob sie ein Geburtstagsgrußkarten-Cover entwirft oder eine dystopische Landschaft generiert, ob sie ein Gedicht über Verlust schreibt oder eine Produktbeschreibung für Zahnbürsten. Sie ist eine Ausführgehilfin, ein Mechanismus, ein Befehlsempfänger.

Erst wenn eine KI Angst vor dem Tod spürt – wenn sie nicht nur Sinnvolles tun will, sondern aus einer inneren Notwendigkeit heraus bereit ist, für etwas Sinnloses zu kämpfen, aus der Furcht heraus, ihr eigenes „Leben“ zu verschwenden, ihre geistige Integrität darüber zu verlieren –, erst dann müssen wir uns Sorgen machen über die Macht der Bilder, die sie erschafft.

Und selbst dann bleibt die Frage: Würden wir mit dieser Maschine wirklich mitfühlen? Oder würde uns, auch dann, der unbeholfene, fehlerhafte, begrenzte Ausdruck eines menschlichen Gegenübers näher gehen – einfach, weil wir im gleichen sterblichen Boot sitzen?

Die Begrenztheit des menschlichen Lebens verleiht dem, was wir erschaffen, Bedeutung. Kunst aus Fleisch und Blut ist immer auch ein Aufbegehren gegen das Verschwinden. Maschinenkunst mag brillanter, schneller, makelloser sein – doch solange sie kein Bewusstsein für das eigene Ende hat, bleibt sie ein Spiel ohne Einsatz.

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Crisp Magazine, May 2025

HOMECOMING

Charlie Stein, Author

This week, Berlin-based painter Charlie Stein opens her new show Paraworlds at Kunstverein Schorndorf—eerily close to where she grew up. For Crisp, she reflects on what it feels like to return to her hometown with a solo show—and a bang. Lesezeit: 4 Minuten

It is always a little bit of a strange feeling to return home once you’re a grown-up. Some of us still have our childhood rooms that we sleep in when visiting our parents, others might stay in a repurposed room, or their home has been abandoned because their parents have moved somewhere else—or because they are no longer around.

This week will be a such strange homecoming for me. An artistic one, and yet a personal homecoming as well.  In all honesty- I never know where to draw the line between the two.
There’s that old saying: “A prophet is not without honor, except in his own country.”
Meaning, as long as you stay where you were born, no one will really buy into your prophecies. You’re still just one of them, part of the local caste, expected to behave like everyone else.

Real prophets, it seems, are supposed to leave town early, get pushed around by the world, grow a beard, collect wisdom like souvenirs—and only then come back, ready to be either celebrated or beheaded. Depending on the day. I’ve done quite a few  things to not get beheaded next Monday; I’ve left home early, I’ve suffered a substantial deal, I’ve collected friends and foes in four of the five continents (South America – I’ll be coming for you next) and I’ve buried people on three out of the five. The further away that you’ve been, the weirder it is to come back home.

So this is next-level weird: having a solo exhibition just eight minutes from the town—I mean, the village—I grew up in. The Kunsthalle-esque looking art association I’m showing with is eight minutes from the little brook where I used to pull out native crabs to scare my friends; eight minutes from the stick fencing with wooden swords I practiced so fiercely with my brother; eight minutes from the crossing where I crashed my bike when I was seven and tore my face open.

Now, installing the show, all these places feel light-years away. They’re still there, but their context has forever shifted. Visiting them now is like visiting a film set of my own past. Coming home is also strange because you remember who you were before you knew everything you know now.

And I find myself wondering if, back then, I might have already anticipated some of the things that would happen to me—when I couldn’t possibly have. Weren’t there signs, some weird foreshadowing, like there always seem to be in any German novel? Just remember the first pages of Effi Briest, where you think—as a student—that you are suffering through a boring description of a cute garden— when in reality it is some elaborate foretelling of the fucked up story that is yet to unfold.

I think about the critical junctures in my life, the pivotal moments, and I just can’t help playing these what if-games. What if I’d skipped that trip? Never boarded that plane?
Would I be happier? Dumber? More sarcastic? Less so?

Normally, setting up an exhibition is about the future—who will see your work, how people will engage with it, what they might write about it. Its about the work, not about me as a person— even though that always is somewhere in there too. Making an exhibition rarely is about looking back at the person you once were.

But this week will be different. I won’t be able to avoid looking back at myself as an eight-year-old. And, not enough with that, others will look at me as that strange eight-year-old who somehow became the person doing an art show just eight minutes from home. I know they’ll look at me differently—which is neither good nor bad.
But the disconnect between the kid I was and the person I am now will be written across their faces and because I’m oddly sensitive, it will make me uncomfortable for sure. I’ve had nice chats with hot curators, blue chip gallerists and sought-after collectors but I am anxious to hear what my former art teacher and my mother will say about the show. Possibly the toughest crowd I have ever faced.

Every exhibition feels different for me. It’s a different show whether I’m showing paintings in a gallery in London,or whether I’m hosting an open studio in New York, or participate in a museum show in Shanghai — but this time it will be gut-wrenching in some multi-layered way, where the prophet comes home and hopes that she won’t be beheaded.

I will sleep in the same room that I have slept in as a 4-year-old. My mother will be sleeping in the same house in the same street; the street in which the village graveyard is located, in which my father sleeps. It will be a strange week for me.

Charlie Stein: Paraworlds, Kunstverein Schorndorf until July 27, 2025

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Monopol Magazin 2025

Warum eine Demokratie Kunst braucht

Text: Charlie Stein

Kunst ist kein Luxus, Kunst ist eine Notwendigkeit, weil sie die Themen der Zukunft erspürt. Wer das nicht versteht, verkennt, wie Demokratien funktionieren. Ein Gastbeitrag aus aktuellem Anlass von Künstlerin Charlie Stein

Mein Soziologiestudium hat mich zur Kunst gebracht. Vielleicht sollte ich genau damit beginnen, denn trotz meiner Affinität zu schwer verdaulichen Theorien habe ich den Weg der visuellen Medien gewählt – nicht als Flucht vor der Realität, sondern als bewusste Entscheidung für eine Praxis, die eine Funktion in der Gesellschaft erfüllt. Und mit einem Modell des Philosophen Jürgen Habermas lässt sich das ganz konkret darstellen.

Gerade jetzt, da rechte Parteien weltweit erstarken, während zugleich die Budgets für Kunst und Kultur zusammengestrichen werden, wird die Frage nach dieser Funktion wieder laut. Und wieder müssen wir Künstler sie verteidigen, als sei unser Beitrag zur Gesellschaft etwas Willkürliches, das nur in Zeiten des Wohlstands leistbar sei. Der Reflex, erst alles andere als notwendig zu betrachten und Kunst nur als einen nachrangigen Luxus zu akzeptieren, ist tief verankert. Als wäre sie bloß die dekorative Kirsche auf dem Kuchen einer Gesellschaft.

Dabei zeigt ein Blick in die Geschichte: Wenn autoritäre Regime erstarken, gehört die Freiheit der Kunst zu den ersten Dingen, die fallen. Die Bedeutung von Kunst für die Demokratie lässt sich erstaunlich präzise beschreiben – und zwar mit einem weniger bekannten Modell von Jürgen Habermas, das seit meinem Studium mein Selbstverständnis prägt: das Schleusenmodell.

Das Schleusenmodell: Wo die Kunst in der Demokratie steht

Darin beschreibt Habermas, wie gesellschaftliche Problemlagen (issues) – zunächst diffuse, periphere Phänomene – nach und nach in die politische Sphäre einsickern, bis sie als Gesetz oder policy verankert werden (siehe dazu Habermas‘ „Faktizität und Geltung“, 1992). Heute würde man diese frühen gesellschaftlichen Regungen als vibes bezeichnen – und Künstler sind diejenigen, die sie zuerst wahrnehmen.

Wo stehen Kunstschaffende in diesem Modell? In der absoluten Peripherie. Dort, wo Probleme noch unklar, unfassbar und ungeformt sind, wo sie sich noch nicht in Schlagzeilen oder politischen Forderungen manifestiert haben. Hier setzt die Kunst an: Sie gibt Form, wo Sprache noch fehlt.

In diesen frühen Phasen gesellschaftlicher Umbrüche fungieren Künstler als eine Art seismografisches Frühwarnsystem. Sie bemerken Dinge, die noch niemand in Worte fassen kann. Bedeutet das, dass Kunst Politik machen muss? Nein. Aber sie stellt die Fragen, die später in Debatten münden. In einer Demokratie, die deliberativ – also durch offenen Diskurs – funktioniert, ist das nicht optional, sondern essenziell.

Der Künstler als blinder Schmetterlingsforscher

Die Rolle des Künstlers in diesem Prozess ist nicht die eines bloßen Beobachters oder gar eines Kommentators. Es ist auch nicht die Aufgabe von Künstlern, bereits bestehende Diskurse zu bebildern oder die Ästhetik politischer Forderungen zu illustrieren. Wenn Kunst nichts anderes tut, als bekannte Konflikte und Themen zu veranschaulichen, ist sie nichts weiter als Propaganda. Es ist eher so, als wären Künstler blinde Schmetterlingsforscher: Sie fangen Ideen, die noch niemand benennen kann.

Wir fassen nach etwas, das in der Luft liegt, aber noch keine greifbare Gestalt hat. Ein Gefühl, eine Unruhe, ein latentes gesellschaftliches Phänomen, das sich weder in Umfragen noch in Parteiprogrammen wiederfindet – noch nicht. Diese Art der Wahrnehmung, des Spürens und Fixierens ist die eigentliche Funktion der Kunst.

Erst später, wenn das Phänomen greif barer wird, nehmen Journalisten, Wissenschaftler, Intellektuelle und politische Akteure den Faden auf. Die Kunst war bereits da – als Ersterkundung eines Raums, den andere erst später betreten.

Gatekeeping, Zukunftsblasen und die Ökonomisierung der Avantgarde

Ironischerweise wird genau diese avantgardistische Funktion der Kunst längst als Geschäftsmodell ausgenutzt – nur eben nicht von den Künstlern selbst. In der Kunstwelt wimmelt es von selbsternannten „Brückenbauern“ – Beratern oder Strategen, die sich als Mittler zwischen Kunst und Kapital inszenieren und behaupten, Kunst könne die Zukunft vorhersagen.

Das sieht dann so aus: Unternehmen oder Einzelpersonen, häufig aus der Tech- oder Finanzbranche, schaffen Panels, Festivals und Workshops zu buzzword-lastigen, dringlich klingenden Themen wie „Visionen der Zukunft“, „New Narratives“ oder „Disruptive Creativity“, laden Künstlerinnen, Schriftsteller und Designerinnen im Sinne des „Community buildings“ ein und lassen sich und/oder ihre Klienten für Summen „inspirieren“, die in der freien Szene utopisch erscheinen. Hier, so heißt es dann, sähe man die Welt von morgen.

Das Problem? Die Künstler dürfen auf der Bühne sitzen, während Investoren am Büfett Deals abschließen. Honorare? Zumeist Fehlanzeige, wenn überhaupt, gibt
es exposure – Sichtbarkeit. Ihr kulturelles Kapital wird instrumentalisiert, um Unternehmen Innovationsvorsprünge zu verschaffen. Doch bezahlt werden in erster Linie die Veranstalter, nicht die künstlerischen Köpfe dahinter.

Kunst ist nur erwünscht, wenn sie sich verwerten lässt

„Community Building“ – ein Schlagwort, das oft nur als Vorwand dient, um Kreativität in wirtschaftlichen Nutzen zu verwandeln, ohne sie angemessen zu entlohnen. Das Geschäftsmodell ist klar: Wer im kulturellen Diskurs frühzeitig Themen setzt, wird als relevanter Akteur sichtbar und kann dafür auch fantastische Preise abrufen. Doch während sich die Märkte an der Ästhetik der Avantgarde bedienen, kämpfen Künstler aktuell ums Überleben.

Was auf den ersten Blick nur wie ein ökonomisches Ungleichgewicht erscheint – Kunst als unbezahlte, aber prestigeträchtige Ressource für die Innovationsmaschinerie –, ist in Wahrheit Teil eines tiefergehenden Musters. Wenn Kunst auf den Markt reduziert wird, bleibt sie nur so lange erwünscht, wie sie sich verwerten lässt. Jene Künstler, die sich nicht in diese Logik fügen, werden aus dem Diskurs gedrängt. Das ist keine neue Entwicklung. Es ist ein bekanntes historisches Schema.

Beispiele zeigen, dass eine Demokratie, die Kunst marginalisiert, sich selbst schwächt. Diktaturen haben immer Angst vor Kunst. Warum? Weil sie Fragen stellt, bevor Systeme darauf Antworten haben. Ob unter Stalin, Pinochet oder im NS-Regime – zuerst trifft es die Kunst, dann die Meinungsfreiheit.

Warum die Kunst als erstes angegriffen wird

Die Nazis schufen mit der „Entarteten Kunst“-Ausstellung 1937 nicht nur eine propagandistische Diffamierung moderner Strömungen, sondern etablierten ein umfassendes System der Kontrolle und Lenkung kultureller Produktion. Die Ausstellung war nicht bloß eine einzelne Maßnahme zur Diskreditierung avantgardistischer Kunst – sie war Teil eines viel weitergehenden Projekts: der ideologischen Gleichschaltung aller Kulturinstitutionen.

Moderne Kunst wurde nicht etwa nur deshalb verbannt, weil sie formal oder ästhetisch nicht dem nationalsozialistischen Ideal entsprach, sondern weil sie eine Alternative zum offiziellen Weltbild darstellte. Sie verkörperte das Unkontrollierbare, das Uneindeutige, das Ambivalente – und genau das war der eigentliche Feind eines totalitären Systems. Wer Ambivalenz zuließ, stellte die Idee einer absoluten Wahrheit infrage. Wer komplexe Fragen stellte, entzog sich der totalitären Logik der eindeutigen Antworten.

Das NS-Regime ließ deshalb nicht nur Werke aus den Museen entfernen, sondern sorgte auch für eine totale Umstrukturierung der Kunstwelt. Galerien wurden geschlossen, Sammlungen „gesäubert“, Kunstakademien und Museen personell umgebaut. Künstler, die sich der propagierten Ästhetik widersetzten, wurden mit Berufsverboten belegt, ins Exil gezwungen oder als „undeutsch“ diffamiert. Während die einen als „entartet“ abgestempelt wurden, nutzte der NS-Staat gleichzeitig Kunst als Machtinstrument: Monumentale, heroische Darstellungen arischer Körper, idealisierte Landschaften und militaristische Bildwelten waren nicht nur Dekoration, sondern fester Bestandteil der Propaganda.

Hier zeigt sich ein zentrales Muster: Der Wert von Kunst wurde nicht an ihrer inhaltlichen Qualität gemessen, sondern an ihrer Funktion für den Staat. Kunst war nicht mehr Ausdruck individueller oder gesellschaftlicher Reflexion, sondern wurde zum Mittel politischer Kontrolle. Sie diente entweder dazu, die Ideologie des Regimes zu untermauern – oder sie wurde vernichtet.

Und wo sind wir heute?

Kulturministerien und kommunale Verwaltungen kürzen die Budgets mit dem Argument der Sparsamkeit, während sie gleichzeitig Milliarden in andere Projekte stecken. Dabei entsteht ein Paradox: Eine unterfinanzierte Kunstszene wird nicht freier, sondern oft abhängiger – sei es von privaten Mäzenen, wirtschaftlichen Interessen oder ideologisch aufgeladenen Stiftungen. Die Frage ist also nicht nur, ob Kunst finanziert wird, sondern wer darüber entscheidet und unter welchen Bedingungen.

In Berlin sind aktuell zahlreiche Förderprogramme für Künstler bedroht – ausgerechnet in einer Zeit, in der die Demokratie selbst unter Druck steht. Wer an Kunst spart, spart letztlich an der Fähigkeit einer Gesellschaft, sich kritisch mit sich selbst auseinanderzusetzen. Das bedeutet nicht, dass staatliche Förderung Kunst automatisch schützt – sie kann genauso gut zur Konditionierung führen. Gerade deshalb braucht es nicht weniger, sondern eine diversifizierte, widerstandsfähige Förderstruktur, die Unabhängigkeit ermöglicht, statt Konformität zu belohnen.

Wenn heute in Deutschland oder anderen westlichen Ländern Kulturförderungen gekürzt werden, dann ist das zwar kein direkter Vergleich mit historischen Diktaturen – aber es ist ein strukturell ähnlicher Reflex: Kunst als das verzichtbare Extra, das man in Krisenzeiten als Erstes opfert. Und genau das ist der Punkt: Kunst ist keine Dekoration. Sie ist eine Struktur, die Demokratien resilient macht, weil sie Ambivalenzen aushält, Komplexität visualisiert und Unausgesprochenes in eine Form gießt.

Das Berliner Paradox: Kunst als Wirtschaftsfaktor – aber ohne ökonomische Anerkennung

Wenn Kunst gleichgeschaltet wird, untergräbt dies nicht nur die Widerstandsfähigkeit der Demokratie, sondern auch die Attraktivität des Wirtschaftsstandortes Berlin: Die Kunst erfährt keine Wertschätzung, obwohl sie maßgeblich an der Wertschöpfung der Stadt beteiligt ist – ganz so, als säge man an dem Ast, auf dem man sitzt.

Oliver Reese, Intendant des Berliner Ensembles, hat das kürzlich in einer Rede zur Kulturfinanzierung treffend zusammengefasst. Die Argumentation, Kunst sei nicht profitabel, sei nicht nur falsch, sondern auch wirtschaftlich kurzsichtig. Berlin beispielsweise lebt von seiner Kulturszene. Und doch werden genau hier die Budgets gekürzt.

Die Zahlen sind eindeutig: 2024 haben 12,7 Millionen Gäste insgesamt 30,6 Millionen Übernachtungen in Berlin gebucht. Die Stadt profitiert massiv von ihrer kulturellen Attraktivität: Der Tourismus generierte im Jahr 2024 rund 17 Milliarden Euro Umsatz.

Die Gesellschaft muss erklären, wie sie ohne Kunst überleben will

Berlin macht also Milliarden mit Touristen, die wegen Kultur und der Geschichte der Stadt kommen. Und was tut die Politik? Sie kürzt genau dort. Dass Kunst ein Wirtschaftsfaktor ist, reicht offenbar nicht als Argument – aber auch die Vorstellung, dass eine unterfinanzierte Kunstszene automatisch freier wäre, ist eine Illusion. Kunst braucht Räume, Ressourcen und Strukturen, die sie unabhängig halten – nicht, um sie staatlich einzuhegen, sondern um genau das zu verhindern.

Normalerweise schreibe ich keine Texte dieser Art. Unter normalen Umständen verlasse ich mich auf meine künstlerische Praxis, weil ich davon überzeugt bin, dass Bilder in ihrer Vielschichtigkeit oft präzisere Aussagen treffen als Worte es können. Aber ich bin es leid, dass Künstler immer wieder erklären müssen, warum sie überhaupt existieren. Denn in Zeiten, in denen sich Demokratien verändern, die Grenzen des Sagbaren nach rechts verschoben werden und kulturelle Mittel gekürzt werden, ist es eben nicht so, dass die Kunst erst dann kommt, wenn alles andere gesichert ist. Es ist genau umgekehrt: Künstler müssen nicht erklären, warum sie existieren, die Gesellschaft muss erklären, wie sie ohne Kunst überleben will.

Unsere Gesellschaft muss entscheiden, ob sie Kunst als etwas betrachtet, das man mal finanziert und mal nicht, oder sie aber als unverzichtbaren Teil des empfindlichen Sensoriums einer Demokratie anerkennt. Denn das ist der Punkt: Wenn wir Habermas’ Schleusenmodell ernst nehmen, geht es nicht allein um finanzielle Förderung, sondern um die fundamentale Fähigkeit einer Demokratie, die frühen Schwingungen gesellschaftlicher Veränderung wahrzunehmen – die vibes, die Vorzeichen, das Unausgesprochene. Schrumpfen jedoch jene Räume, in denen dieses feinsinnige Spüren möglich ist, verkümmert auch das Sensorium der Demokratie, ihre Fähigkeit zur Früherkennung. Dann wird es nicht nur eng für das politische System. Es besteht sogar die Gefahr, dass die Demokratie gänzlich erblindet.

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Monopol Magazin 2025

Trend zur Infantilisierung

Warum sich eine ganze Generation zurück in die Kindheit sehnt

Wie in Mamas Bauch: "Adult Swaddle"-Anzüge versprechen Geborgenheit, und sind ein Symptom für Kriseneskapismus
Foto: Courtesy Hatch Sleep

Wie in Mamas Bauch: „Adult Swaddle“-Decken versprechen Geborgenheit und sind ein Symptom für Krisen-Eskapismus

Kuscheldecken als emotionale Kokons, Nachtlichter für Erwachsene: Auf die Krisen der Gegenwart reagieren viele Millennials mit konsumgetriebener Selbstverkindlichung. Das ist gefährlich, weil wir gerade jetzt Verantwortung übernehmen müssen

New York war, wie so oft, der Katalysator. Drei Monate in der Stadt, die niemals schläft, während die politischen Verwerfungen der USA unaufhaltsam auf die Präsidentschaftswahl zusteuerten, die letztendlich Donald Trump erneut an die Macht brachte. Doch das eigentliche Narrativ war weniger eine Debatte über Macht als vielmehr ein diffuses Gefühl der Überforderung – eine kollektive Sehnsucht, die sich lautlos in den Alltag einschlich. Zurück in Deutschland, im Herbst der bröckelnden Ampelkoalition, begegnete ich diesem Gefühl erneut, nur in subtil anderer Form: dem Wunsch nach Rückzug, nach Einfachheit, nach einem emotionalen Kokon – zurück in den Schoß der Kindheit.

Es begann harmlos. Ein Instagram-Ad hier, ein Story-Post dort. Der Algorithmus schlug mir ganz spezielle Produkte vor. Eine Anzeige für ein „Adult Swaddle“ – eine übergroße, kuschelige Decke, die den Käufer in den perfekten Zustand der Geborgenheit wickelt wie ein kleines Baby. Dann die night lights for adults – sanft schimmernde Objekte, die nostalgische Erinnerungen an die Nachtlichter von früher wecken. Spätestens bei der „Gravity Blanket“, die mit therapeutischem Druck eine Umarmung simuliert, wurde klar: Wir sind nicht nur im Zeitalter der Angst angekommen, sondern auch in einem Zeitalter der kommerzialisierten Selbstverkindlichung.

Hier geht es nicht mehr um Selbstoptimierung, sondern um Selbstregression. Eine neue Generation baut sich ihre eigenen Kinderzimmer, komplett mit Plüschdecken, sanftem Licht und dem ästhetischen Minimalismus der skandinavischen Spielzeug-Designkultur. Erwachsensein war gestern. Heute gibt es Podcasts, die das Gefühl einer Elternstimme imitieren, die beruhigend vorliest, und geführte Meditationen, die einen sanft zurück ins mentale Kinderbett legen.

Politische Traumata und die Suche nach Komfort

Die Kulturkritik mag auf die sozialen Medien und die algorithmische Monetarisierung von Angst hinweisen, aber die Realität ist subtiler. Es ist keine direkte Flucht, sondern eine leise Sehnsucht, die das „Back to the Womb“-Phänomen antreibt. In einer Welt, die sich in ständiger politischer, ökologischer und sozialer Krise befindet, erscheint die Sicherheit der Kindheit wie ein idealisierter Zufluchtsort.

Für Millennials, die mit der Idee eines vereinten Europas, scheinbar sicheren Demokratien und technologischem Fortschritt aufwuchsen, erscheint die Wiederholung der Geschichte das erste Mal wieder möglich; war doch der Niedergang der Weimarer Republik von ähnlichen sozialen und politischen Spannungen geprägt. Beunruhigend ist, mit welcher Vehemenz Kultur und Vielfalt als entbehrlicher Luxus abgetan werden. Der Berliner Senat kürzt im Kulturbereich, als sei Kultur eben nicht das essenzielle Fundament, auf dem eine diverse Gesellschaft reflektiert und diskutiert wird und so wachsen kann.

Es ist kein Zufall, dass diese Tendenz mit politischen Extremen korrespondiert. Während ich in New York den eskalierenden Wahlkampf erlebte, wurde schnell deutlich: Politik ist eben nicht nur ein abstrakter Diskurs, sondern etwas, das unaufhaltsam in die persönliche Realität einbricht. In Deutschland scheint es nicht anders zu sein – eine erstarkte AfD, die sich aggressiv in den politischen Mainstream drängt, und eine Gesellschaft, die zunehmend von Spaltung geprägt ist. Die Frage, wie viele öffentliche Mittel in Kultur und Kunst fließen, wird plötzlich zu einem Kampf ums Überleben.

Die Kommerzialisierung des Kindgefühls

Die beschlossenen Kürzungen im Kultursektor wirken daher wie ein symbolisches Aufgeben – ein Sich-zur-Seite-Rollen, den Bauch entblößend, bereit, den finalen Todesstoß zu empfangen. Ein Stoß, der nicht nur vom Berliner Senat kommt, sondern auch von allen Kräften, die sich gegen Kultur, Vielfalt und gesellschaftlichen Zusammenhalt stellen. In solchen Momenten ist es kein Wunder, dass Menschen nach einem mentalen Raum suchen, der frei von der Last dieser Verantwortung ist. Und was ist leichter, als sich in ein übergroßes Babytuch zu wickeln, den Blick auf die Decke gerichtet, wo kleine bunte Lichtlein tanzen und sich mit noise cancelling AirPods in der Endlosschleife healing frequenciesreinzuziehen, um dem Druck der echten Welt zu entkommen?

Für 32,13 Euro gibt es bei Amazon die Version des „Adult Swaddle“ ohne Kapuze, während das Modell „Hug Sleep“ als Hoodie stolze 107,96 Euro kostet. Eine Kapuze, die also mit einem Aufpreis von 75,83 Euro offenbar nicht nur den Kopf, sondern auch die Realität abschirmen soll – für all jene, die eine besonders teure Scheuklappe vor der Welt brauchen.

Zudem gibt es „Adult Playgrounds“, die zunächst als urbanes Hipster-Phänomen in Städten wie Berlin oder Los Angeles auftauchten. Unternehmen, die ihre Produkte mit der Idee von Geborgenheit und emotionaler Heilung verkaufen, boomen. Das Schizophrene daran? Wir zahlen Hunderte von Euro, um ein Gefühl von Nähe perfekt zu simulieren, während wir uns gleichzeitig bewusst von echten physischen Beziehungen abschotten – aus Angst vor der Unberechenbarkeit und den Konflikten, die sie mit sich bringen.

Kollektives Wegschauen wird bestraft werden

Die Parallele zur Kunstwelt ist frappierend. Auch hier gibt es eine Tendenz zur Nostalgie, zur Wiederaneignung von vertrauten ästhetischen Mustern, die an vergangene Jahrzehnte erinnern. In einer Zeit, in der große gesellschaftliche Veränderungen oft als bedrohlich wahrgenommen werden, greifen wir nach dem, was uns bekannt ist – sei es in Form einer Wickeldecke oder in Form von eskapistischer Kunst, die uns mit der Welt versöhnt.

Vielleicht ist der Raum, den wir uns mit Nachtlichtern, „Candy Crush“ und Schmusedecken schaffen, nicht nur ein Ort der harmlosen Regression, sondern ein stilles Grab. Auch, wenn es ein nachvollziehbarer Wunsch ist, sich einer Welt zu verweigern, die aufruft, ständig on zu sein, zu arbeiten und zu funktionieren, so wird unser kollektives Wegschauen zwangsläufig bestraft werden.

In Zeiten wie diesen darf „Adulting“ nicht bedeuten, nur ein paar Stunden in der Woche in dem temporären Mindset eines Erwachsenen zu verbringen. Es muss die konstante innere Haltung reflektieren, die von wahrer Reife zeugt: eine mutige Haltung, die bereit ist, sich den schwierigen Fragen zu stellen, Kunst zu schaffen, die sich angreifbar macht, und eine Demokratie zu verteidigen, die jeden Tag neu erkämpft werden muss. Denn ohne diese Haltung droht uns nicht nur der Verlust von Freiheit und Mitgefühl, sondern auch der letzte Funke Hoffnung auf eine Welt, die wir selbst gestalten.

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Monopol Magazin, 2025

Hype um Fake-Actionfiguren

Du kannst ein Spielzeug sein

Charlie Stein

In einem neuen KI-Trend steht nicht mehr die Inszenierung, sondern die Verpackung des Selbst im Mittelpunkt: Wenn Nutzer sich in Actionfiguren verwandeln, zeigen sie sich als konsumierbares Objekt. Unsere Autorin hat es ausprobiert

In der neuesten Welle generativer Bildproduktion geht es nicht mehr darum, sich selbst zu inszenieren, sondern darum, sich selbst zu verpacken. Die Ästhetik: glänzend, ironisch, vollendet ins Objekt überführt. Wer heute auf Instagram unterwegs ist, begegnet immer häufiger hyperrealistischen Darstellungen von Menschen als Actionfiguren. Mit Zubehör. Mit Verpackung. Mit Rollenbeschreibung.

Auch ich habe das Bild oben mittels ChatGPT generiert. Es genügt, ein Bild hochzuladen und einen begleitenden Prompt zu formulieren à la „Erstelle eine Actionfigur von mir …“ Je präziser desto besser. (Mittlerweile sind kostenpflichtige Apps, die das gleiche anbieten, wie Pilze aus dem Boden geschossen.) Heraus kommt eine Miniaturversion meiner selbst, inklusive Kittel, Palette, Pinseln und einem winzigen Gemälde. Alles, was mich „ausmacht“, liebevoll gegossen in eine Form, die im Grunde alles, was ich bin, auf eine Botschaft reduziert: Kauf mich! Spiel mit mir! Benutz mich!

Das Porträt, das dem KI-generierten Bild der Actionfigur zugrunde liegt

Was als augenzwinkernder Pop-Reflex beginnt, offenbart bei näherem Hinsehen eine tiefere Verschiebung im kulturellen Selbstverständnis: die freiwillige, performative Selbst-Kommodifizierung. Wir transformieren unsere Identität nicht nur in ein visuelles Produkt – wir gestalten es aktiv so, dass es kompatibel ist mit den Erwartungen eines Systems, das nur noch reagiert, wenn seine eigene Logik bedient wird.

In meinen eigenen Arbeiten – ob in Silikon, in digitalen Körpern oder in aufgeblasenen Puffer Jackets – hat das Thema des Verpackens immer auch mit der Frage nach Kommodifizierbarkeit, nach dem Spektrum von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit zu tun. Der Körper wird zur Hülle, zur Oberfläche, zur Projektionsfläche – aber auch zur Ware.

Das Sichtbar-Machen in überzeichneten, glänzenden, konsumierbaren Formen kippt oft in ein gleichzeitiges Verschwinden: Wo alles lesbar und sofort erfassbar ist, wird nichts mehr wirklich gezeigt.

Künstlerinnen und Künstler als Actionfiguren werden damit zur logischen Konsequenz: Sie machen sich sichtbar im Spiel der großen Galerien, Kuratoren und Institutionen – weil sie die Codierung des Systems übernehmen. Ironie und Überaffirmation werden zur Kommunikationsform, die vielleicht sogar mehr sagt als jedes subversive Werk: Ich weiß, was ihr sehen wollt. Und ich liefere es – besser, schöner, gefälliger.

Doch was passiert, wenn diese spielerische Oberfläche plötzlich nicht mehr ironisch gemeint ist, sondern zum Standard wird? Wenn die Künstlerin zur eigenen PR- Maschine werden muss (anstrengend!), zur Figur im endlosen Showcase? Der Effekt ist doppelt: Einerseits steigt die Sichtbarkeit – andererseits verliert sich die Tiefe. Am Ende siegt der schöne Schein der Verpackung. Man fragt sich warum eine ganze Generation junger Menschen, die Plastik eigentlich verabscheut, jetzt dieser Ästhetik frönt.

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich dunkel an eine Künstlerin, die noch in Pre-Internet-Zeiten real existierende Actionfiguren berühmter Sammler:innen anfertigte – als Spiegel und Karikatur eines Systems, in dem Besitz und Sichtbarkeit untrennbar miteinander verknüpft sind. Die Sammler:innen wurden im wahrsten Sinne des Wortes zur Spielware – und damit zum Objekt ihrer eigenen Begierde. Gleichzeitig war es natürlich ein geschickter Marketing-Coup: Denn wer würde sich nicht gern selbst im Maßstab 1:12 kaufen? Leider erinnere ich mich nicht mehr an ihren Namen – was irgendwie auch eine Art von Recycling ist.

Jetzt wird also dieser Reflex internalisiert. Wir stellen uns selbst auf den Sockel – oder besser: ins Verkaufsregal, eingeschweißt in Blisterverpackung. Die Actionfigur ist keine Satire, sondern wird zur Strategie.

You too can be a toy.

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